Wintertage in Nordenau
…ich verbringe gerade mit meiner Schwester Katja ein paar Tage in Nordenau im Sauerland. Wir hatten beide etwas Zeit und haben uns in ihrer kleinen Ferienwohnung mit unseren Hunden eingekuschelt.

Die ersten zwei Tage waren ganz schön usselig, regnerisch und nass – aber das hat uns keineswegs davon abgehalten, täglich stundenlang mit den Fellnasen durch die Natur zu wandern.
Einen Tag später sanken die Temperaturen plötzlich auf knapp unter null Grad – geschneit hatte es allerdings noch nicht. Tiefhängender Nebel zog über die Tannenwipfel hinweg und verwandelte die Landschaft in eine mystische Fantasykulisse.
Wir wollten uns bei Backes – dem urgemütlichen Café im fünf Kilometer entfernten Dörfchen Westfeld – ein Stück vom selbstgebackenen, legendären Streuselkuchen gönnen und stapften plaudernd auf dem Waldweg dahin.
Elwood und Flynn sprangen fröhlich vor uns den Pfad entlang, als ich links auf dem winterlichen Waldboden ein kleines Naturwunder entdeckte.
„Da ist Feenhaar!“, rief ich erfreut.
Tatsächlich: im Schatten zwischen vertrockneten Blättern und abgebrochenen Ästen, neben Sternchenmoos und Tannenzapfen, glitzerte es zart im fahlen Licht – Haareis.
Was ist Haareis?
Haareis wird auch Eiswolle, Engelshaar oder Frostbart genannt – und wenn Du es zum ersten Mal siehst, weißt Du sofort, warum.
Aus auf dem Boden liegenden Ästen scheint feines, seidig-weißes Haar zu wachsen, das sich wellt und sogar zu kleinen Locken verdreht.
Dieses geheimnisvolle Naturphänomen besteht aus ultradünnen Eiskristallen, die ausschließlich auf totem Laubholz entstehen. Die hauchfeinen Fäden sind nur etwa 0,02 Millimeter dick und können mehrere Zentimeter lang werden, bevor sie – sobald die Sonne darauf fällt – wieder schmelzen und spurlos verschwinden.
Wie entsteht Haareis?
Damit Haareis entstehen kann, müssen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein:
- Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt (aber nicht deutlich darunter)
- hohe Luftfeuchtigkeit
- feuchtes, abgestorbenes Laubholz – häufig von Buchen oder Eichen
- und – das Überraschende – ein winziger, spezieller Pilz im Holz.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der im Holz lebende Pilz Exidiopsis effusa eine entscheidende Rolle spielt. Bei seinen biochemischen Abbauprozessen entstehen Gase und Stoffwechselprodukte. Diese drücken die im Holz vorhandene Feuchtigkeit durch feine Poren nach außen an die Oberfläche.
Dort gefriert es dann sofort zu filigranen Eisfäden. Gleichzeitig verhindern die pilzlichen Abbauprodukte, dass sich größere, „normale“ Eiskristalle bilden. Stattdessen entstehen diese zarten, haarähnlichen Strukturen.
Wenn man es genau nimmt, ist dieses märchenhafte Gebilde tatsächlich das Resultat mikrobiologischer Aktivität im Holz – oder, etwas weniger poetisch gesagt: pupsender Pilze.
Warum ist Haareis so selten?
Haareis entsteht nur unter diesen sehr speziellen Bedingungen und verschwindet rasch, sobald es wärmer wird oder ein Sonnenstrahl darauf trifft.
Bei Schnee bleibt es verborgen, weil durch die Flocken verdeckt wird. Deswegen ist es ein seltenes, kleines Eisphänomen, das Du nur mit offenem Blick und etwas Glück bei einem Spaziergang durch den winterlichen Wald entdeckst.
Ein kleiner Zaubermoment im Wald
Wenn Du das nächste Mal bei Frost durch die Natur gehst, halte die Augen offen. Schau genau dort hin, wo andere achtlos vorbeigehen.
Haareis zu entdecken ist ein kleines, glitzerndes Winterwunder, bei dem Wissenschaft und Magie ganz selbstverständlich Hand in Hand gehen. Wie übrigens oft in der Natur. Und genau dafür liebe ich den Wald.
